PianoMe Talks: Interview mit dem Pianisten und Komponisten Thomas Peter-Horas

Interview mit dem Pianisten und Komponisten Thomas Peter-Horas

Musikschulen gehören zu den bedeutendsten außerschulischen Bildungseinrichtungen in Deutschland. Doch zunehmend sehen sie sich mit Herausforderungen und Bedrohungen konfrontiert, die ihre Zukunft gefährden. Die Leitung einer Musikschule wird immer anspruchsvoller. Um herauszufinden, warum das so ist, haben wir mit Thomas Peter-Horas, dem langjährigen Leiter der Musikschule in Neu-Isenburg, gesprochen. Als erfahrener Musikschulleiter bringt er einen reichen Erfahrungsschatz und fundiertes Fachwissen mit. Seine Einschätzungen und Handlungsempfehlungen sind daher besonders wertvoll. Lesen Sie selbst, was Thomas dazu zu sagen hat und welche Maßnahmen er empfiehlt.


PianoMe (PM): Lieber Thomas, vielen Dank Dir für Deine Zeit! Es ist uns eine große Freude, dass Du zu einem Interview mit PianoMe bereit bist!

Thomas Peter-Horas (TPH): Auch ich freue mich, dass ich hier die Gelegenheit bekomme, das Bewusstsein für die Bedeutung der Musikschulen zu fördern.

PM: Das ist toll, danke! Zuerst wollen wir Dich unseren Leser:innen gerne kurz vorstellen, obwohl Dich viele sicherlich bereits kennen: Du hast Klavier, Musikpädagogik und Musikwissenschaften in Frankfurt studiert und leitest bereits seit über 25 Jahren die Musikschule in Neu-Isenburg. Daneben bist Du selbst als Pianist, Akkordeonist und Komponist in vielen Bereichen aktiv. Deine Erfahrungen reichen vom klassischen Repertoire bis hin zur Jazz- Pop- und Rockmusik und Du hast bereits mehrere CDs mit eigenen Kompositionen veröffentlicht. Zeit für exzentrische Allüren hast Du aber trotzdem nicht, denn auch außerhalb Deiner künstlerischen Tätigkeit setzt Du Dich für musikpolitische Themen ein. 

TPH: (lacht) Eigentlich ist es ja umgekehrt: Ich bin hauptsächlich Musikschulleiter und Instrumentallehrer. Als solcher setze ich mich eben dafür ein, dass die Bedeutung der Musik und des eigenen Musizierens auch politisch wahrgenommen wird. Damit mache ich mich natürlich bei den Kommunalpolitiker:innen in meiner Stadt nicht immer beliebt.

Daneben versuche ich, weiterhin als ausübender Musiker auf der Bühne zu stehen. Ich halte es für ausgesprochen wichtig, dass ich als Lehrer weiß, was es bedeutet, vor Publikum aufzutreten. Zum Komponieren bin ich eher zufällig gekommen: Ich habe schon immer frei improvisiert und irgendwann habe ich eben angefangen, die Sachen aufzuschreiben und zu strukturieren. Hierbei kam mir meine profunde klassische Ausbildung sehr zugute.

PM: Beeindruckend! Magst Du uns zunächst etwas über Deine „Wurzeln“ erzählen?

TPH: Ich bin in der Nähe von Gießen (Mittelhessen) aufgewachsen und komme aus einer Familie, in der die Musik nicht gerade im Zentrum stand. Mein Vater war Bäckermeister und meine Mutter Hausfrau. Allerdings war mein Vater ein begeisterter Hobbymusiker, der häufig als Tanzmusiker unterwegs war. Ich begann im Alter von etwa fünf Jahren, bei ihm Akkordeon zu lernen, und als wir kurze Zeit später ein altes Klavier geschenkt bekamen, kam noch das Klavier dazu.

Als ich elf Jahre alt war, starb mein Vater und ich kam nach einigen Umwegen zu einem wunderbaren Lehrer an der Musikschule in der Kreisstadt Wetzlar. Es war ziemlich mühsam, dort hinzukommen – ich war für meine Klavierstunde einen ganzen Nachmittag unterwegs. Mein Lehrer erkannte meine Begabung, förderte mich und unterstützte meinen Wunsch, Musik zu studieren. Ohne die Musikschule und meinen Lehrer dort wäre ich nie auf diese Idee gekommen.

Mit sechzehn begann ich mein erstes Studium im „Seminar für Musikerzieher“ an der Frankfurter Musikhochschule. Zwei Jahre später wechselte ich nach bestandener Aufnahmeprüfung in die „Künstlerische Ausbildung“, die ich 1983 mit dem Diplom abschließen konnte. Im Anschluss holte ich das Abitur nach und studierte noch Musikwissenschaften und Musikpädagogik. Dieses Studium schloss ich 1989 mit der Magisterprüfung ab.

Ich habe meine Leidenschaft für das Unterrichten schon früh entdeckt und habe bereits während des Studiums Klavierunterricht gegeben. Das war auch nötig, weil meine Mutter mich finanziell kaum unterstützen konnte. 1983 hatte ich meine erste Stelle an der Musikschule in Butzbach und ab 1987 unterrichtete ich an der Frankfurter Jugendmusikschule, wo ich später als Betriebsratsvorsitzender erste Erfahrungen im politischen Bereich sammeln konnte. 1997 übernahm ich dann die Leitung der Musikschule in Neu-Isenburg, wo ich seitdem meinen Lebensmittelpunkt habe.

An der Jugendmusikschule in Frankfurt lernte ich den Saxophonisten Ralph Schmidt kennen, mit dem ich in den nächsten Jahren als Duo „Tandem“ auftrat. Für dieses Duo habe ich viel komponiert. 1991 erschien mein erstes Klavierbuch, „Pianomusic“, zunächst im Selbstverlag. Kurze Zeit später begann der Frankfurter Saxophon-Fachverlag „Chili Notes“ meine Duokompositionen zu veröffentlichen. Die Zusammenarbeit dauert bis heute an und es gibt zahlreiche Originalwerke und Bearbeitungen, die ich bei Chili Notes veröffentlicht habe.

Anfang des neuen Jahrtausends begann die Kooperation mit dem renommierten Verlag „Edition Peters“, für den ich – gemeinsam mit der Frankfurter Pianistin und Klaviermethodikerin Prof. Sibylle Cada – im Jahr 2004 „Das Pianobuch“ veröffentlicht habe. Es folgten noch „Das Pianobuch 2“ und zwei Bände „Das vierhändige Pianobuch“. Die Pianobücher gehören bis heute zu den erfolgreichsten Klavierveröffentlichungen des Verlages.

Mein Stück „Sarah“, das im Pianobuch 2 enthalten ist, wurde übrigens in die Sammlung „Pieces & Exercises for Trinity College London“ für den Grade 7 der Jahre 2018–2020 und in die „Grade 7 Piano Anthology“ des „Associated Board of the Royal Schools of Music“ (ABRSM) für die Jahre 2023 und 2024 aufgenommen. 2024 erschien das Buch „Still dreaming“ in der Reihe „Piano Fervor“ des AMA-Verlags. Das ist eine Sammlung von Stücken zum Vorspielen und für den Unterricht, die auch z.B. für die Arbeit mit Erwachsenen hervorragend geeignet ist. In wenigen Tagen wird das Buch „Celtic Keys“ bei Acoustic Music Books herauskommen. Der Gitarrist und Irish-Folk Spezialist Patrick Steinbach hat eine Reihe von repräsentativen irischen Tänzen und Songs zusammengestellt, die ich jeweils in zwei verschiedenen Schwierigkeitsgraden („sehr leicht“ und „mittelschwer“) für das Klavier bearbeitet habe.

Gesellschaftliche Anerkennung einer Künstlerin bzw. eines Künstlers sowie deren Arbeitsbedingungen

PM: Sehr interessant! Ich würde vorschlagen, dass wir damit starten, dass wir eine Brücke zu der aktuellen gesellschaftlichen Anerkennung einer Künstlerin bzw. eines Künstlers schlagen. Viele Musiker:innen und andere Kulturschaffende lieben zwar ihre Arbeit, müssen aber oft unter prekären Arbeitsbedingungen arbeiten. Es kommt sogar häufiger vor, dass viele Musiker:innen einen Nebenjob zum reinen Überleben brauchen. Heißt das im Umkehrschluss, dass der Musiker:innenberuf von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird? Am Ende hängt ja die Honorarhöhe u.a. von der Höhe der Ticketpreise ab.

TPH: Als ich mein erstes Studium abschloss, beglückwünschte uns unser damaliger Studienleiter zu einem Beruf, der uns zwar „nicht reich, aber glücklich“ machen würde. Mit „glücklich“ hat er Recht behalten! Dass aber viele von uns derart ums Überleben kämpfen müssen, habe ich damals so nicht erwartet. Wenn wir uns die Zahlen der Künstlersozialkasse anschauen, stellen wir fest, das viele Musiker:innen und Instrumentallehrer:innen schon während ihrer aktiven Zeit an der Grenze zum Existenzminimum arbeiten. An die Altersversorgung will ich in diesem Zusammenhang gar nicht denken: Da ist die Altersarmut vorprogrammiert!

Ob es an einem Mangel an gesellschaftlicher Akzeptanz liegt, vermag ich nicht zu beurteilen: Oft werden Musiker:innen doch für das, was sie tun, bewundert! Allerdings sinkt die Bereitschaft, für Musik Geld aufzuwenden! Das gleiche Bild sieht man ja auch bei vielen Politiker:innen: In Sonntagsreden wird der Wert der Musik und der Musikschulen hervorgehoben, doch wenn es darum geht, sich um ein angemessenes Einkommen der Musiker:innen und Musiklehrer:innen zu kümmern, macht sich schnell Ernüchterung breit. Scheinbar ist es kein Problem, für Konzerte mit internationalen Spitzenmusiker:innen dreistellige Beträge für die Tickets zu bezahlen, doch ist man nicht bereit, für kleine Konzerte mit lokalen Künstler:innen mehr auszugeben als für eine Kinokarte. Zudem fallen die Einnahmen aus CD-Verkäufen bei Konzerten weg, da man heutzutage nahezu jede Musik problemlos streamen kann. Was hierbei für die Musikerin bzw. den Musiker „hängenbleibt“, ist völlig indiskutabel. Auch hier verdienen wirklich nur die ganz Großen.

PM: Danke Dir für Deine Meinung! Kann es sein, dass Künstler:innen selbst meist prekäre Arbeitsbedingungen einfach hinnehmen und damit verhindern, dass die Kultur ein kritischer Raum für den Diskurs über Arbeit, Armut und Ausbeutung werden kann? Oder haben die Künstler:innen einfach keine Wahl?

TPH: Jede:r, der sich auf ein Leben als Musiker:in oder Instrumentalpädagog:in einlässt, weiß heutzutage, was auf sie bzw. ihn zukommt. Diejenigen, die aus Leidenschaft für die Sache Musiker:in oder Instrumentalpädagog:in wurden, sind gezwungen, sich den Arbeitsbedingungen anzupassen und darauf zu hoffen, dass sich das eines Tages ändert. An den Musikschulen merken wir aber seit vielen Jahren, dass die Zahl derer, die sich für den Beruf der Musikschullehrerin bzw. des Musikschullehrers entscheiden, immer kleiner wird. Die wenigen Fachkräfte, die es noch gibt, können sich quasi die Musikschulen aussuchen, die die besten Bedingungen bieten. Das bedeutet aber auch, dass die Musikschulen, die keine angemessenen Gehälter oder Honorare bieten können, allmählich verschwinden werden, weil sie keine Lehrkräfte mehr finden.

Herrenberg-Urteil: Auswirkung auf meine Musikschule

PM: Seit dem sogenannten Herrenberg-Urteil müssen Musikschulen ihre Mitarbeiter:innen fest anstellen. Was nach fairen Maßnahmen klingt, ruft landesweit auch viel Kritik hervor und stürzt meiner Wahrnehmung nach viele Musikschulen in große Besorgnis. Wie sieht es diesbezüglich in Deiner Musikschule aus?

TPH: Das Problem der „Scheinselbständigkeit“ gibt es ja nicht erst seit dem Herrenberg-Urteil. Lediglich die Kriterien für eine Scheinselbständigkeit wurden mit diesem Urteil enger gefasst. An unserer Musikschule haben wir die bisher bestehenden Regeln sehr ernst genommen (anders als viele andere Musikschulen in Hessen): Seit 2009 haben wir alle Lehrkräfte, die überwiegend oder ausschließlich für unsere Musikschule arbeiten, mit einem Haustarifvertrag fest angestellt. Das hat dazu geführt, dass zum Zeitpunkt des Herrenberg-Urteils bereits rund 65% des Unterrichts von Festangestellten erteilt wurde. Seit August 2024 sind nun alle Lehrkräfte sozialversicherungspflichtig bei uns beschäftigt; bei geringfügiger Beschäftigung haben wir Mini-Jobs angeboten. Das ist zunächst mal sehr positiv, auch weil alle Lehrkräfte an dieser Entscheidung beteiligt wurden und sich bis auf eine Ausnahme für die neuen Beschäftigungsverhältnisse ausgesprochen haben. Der Pferdefuß bei der Sache ist, dass unser Haustarifvertrag rund 25% unterhalb dessen liegt, was z.B. der TVöD als Einstiegsgehalt für Musikschullehrkräfte ansetzt.

PM: Die Musikschule Neu-Isenburg ist ein eingetragener Verein (e.V.). Ganz kurz für unsere Leser:innen: Was bedeutet das für die Strukturen und für die Finanzen?

TPH: Neben privaten Musikschulen in den unterschiedlichsten Ausprägungen gibt es in Deutschland rund 1.000 öffentliche Musikschulen, die im Verband deutscher Musikschulen organisiert sind. Diese sind entweder als gemeinnütziger Verein organisiert oder befinden sich in kommunaler Trägerschaft. Eher selten findet sich die Trägerschaft durch eine gemeinnützige GmbH.

Ein Verein finanziert sich in der Regel über Mitgliedsbeiträge und einen sogenannten „Zweckbetrieb“, mit dem er Einnahmen generiert, die für den Vereinszweck verwendet werden müssen. Das ist in Musikschulen normalerweise der Unterrichtsbetrieb. Dazu kommen Spenden und öffentliche Zuschüsse durch die Kommune, den Landkreis und das jeweilige Bundesland, die mitunter sehr unterschiedlich ausfallen können. In Hessen liegt der Eigenanteil der Musikschulfinanzierung (also die Einnahmen durch den Unterrichtsbetrieb und Spenden) aktuell bei durchschnittlich rund 56%. Das klingt zunächst mal recht gut, doch liegt das daran, dass einzelne große Musikschulen wirklich gut gefördert werden, während viele kleine Schulen einen deutlich höheren Eigenanteil aufbringen müssen. Hier in Neu-Isenburg wird dieser Anteil im Jahr 2025 bei immerhin knapp 80% liegen.

Wieviel sollte Musikunterricht kosten?

PM: Danke Dir für Deine Offenheit! Wieviel sollte denn nun guter Musikunterricht Deiner Meinung nach kosten? Es sind ja nicht nur Musiklehrer:innen, die bezahlt werden müssten. Beim Betrieb einer Musikschule fallen verschiedene Kosten an, die bei der Preisbildung berücksichtigt werden müssen. Musikinstrumente sind grundsätzlich oft sehr teuer und die Mieten sind seit 2010 kontinuierlich gestiegen. Auch die Nebenkosten und andere Ausgaben haben sich erhöht. Der Hintergrund meiner Frage ist: Die Ergebnisse unserer eigenen Auswertung deuten darauf hin, dass es eigentlich keinen Spielraum nach oben gibt, was die Preise für Musikunterricht in Deutschland betrifft. Diese scheinen, insbesondere bei erfahrenen Lehrkräften, bereits eher am oberen Ende der festgestellten Range zu liegen.

TPH: Wenn eine Musikschullehrkraft nach TVöD bezahlt werden soll, reden wir von einem Monatsgehalt von anfangs rund 3.900,00 € (TVöD 9b Stufe 1, kommunal), das sich mit zunehmender Berufserfahrung auf bis zu 5.400,00 € (Stufe 6, i.d.R. erreicht nach 15 Jahren) steigert. Dazu kommt ein 13. Monatsgehalt, Urlaubsgeld und der Arbeitgeber:innenanteil der Sozialabgaben (rund 20%). Bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 30 Stunden (laut Richtlinie des VkA – Verband kommunaler Arbeitgeber) plus 3 Stunden Ferienüberhang ergibt das Personalkosten von 145,00 € bis 195,00 € pro Monatswochenstunde (also monatliche Kosten pro Wochenstunde). Eine mittlere Musikschule mit rund 500 Wochenstunden hätte also Personalkosten in Höhe von 1 – 1,2 Mio. € jährlich; dazu kommen noch die Kosten für Mieten, Werbung, Veranstaltungen, Wartung/Anschaffung von Instrumenten, Unterrichtsmaterial, Verwaltungskosten/-mitarbeiter:innen etc., insgesamt vielleicht nochmal rund 150.000 € bis 200.000 €. Eine Musikschule mit 500 Wochenstunden kostet demnach bei angemessener Vergütung rund 1,4 Mio. € jährlich.

Wenn das komplett über Unterrichtsentgelte finanziert werden müsste, würde das für den Instrumentalunterricht bedeuten, dass z.B. eine wöchentliche Unterrichtsstunde zwischen 180,00 € und 235,00 € kosten müsste. Also die Personalkosten für die Lehrkraft plus ca. 20% für die genannten zusätzlichen Kosten. Je nachdem, in welchem Umfang sich die öffentliche Hand an diesen Kosten beteiligt, würde sich der Beitrag dann reduzieren.

Die Realität ist, dass die Musikschulen in Hessen etwa mit der Hälfte des genannten Budgets auskommen müssen. Die monatlichen Unterrichtsentgelte liegen zwischen knapp 100,00 € und 130,00 € pro wöchentlicher Unterrichtsstunde (45 Minuten). Eine angemessene Bezahlung der Lehrkräfte ist ohne ausreichende Unterstützung durch öffentliche Zuschüsse nicht möglich.

PM: Findest Du nicht, dass Musikschulen generell zu einem Privileg für Kinder aus wohlhabenden Familien werden? Mir ist durchaus bewusst, dass viele Musikschulen öffentliche gemeinnützige Einrichtungen sind, und eigentlich den öffentlichen Bildungsauftrag für alle Menschen erfüllen sollen, unabhängig vom sozialen Status. Auf der anderen Seite sind auch die kommunalen Schulen mit enormen Herausforderungen konfrontiert: von mangelnder Finanzierung – über Lehrermangel – bis hin zu Schließungen.

TPH: Ich selbst hatte das große Glück, als Kind einer in dieser Zeit alleinerziehenden Mutter eine Musikschule besuchen zu können, was meinen gesamten weiteren Lebensweg beeinflusst hat. Unter den heutigen Umständen wäre das kaum noch möglich. Für viele Familien ist es nicht mehr leistbar, ihre Kinder am Angebot der Musikschulen teilhaben zu lassen. Besonders betroffen sind natürlich Kinder aus finanziell schwierigen Verhältnissen und Kinder von Alleinerziehenden. Gerade für diese Kinder wäre die Teilhabe an einer musikalischen Gemeinschaft ein Segen. Wenn ich nun sehe, für welche Prestigeprojekte öffentliche Gelder aufgewendet werden und wie z.B. die Sportförderung aufgestellt ist, dann sind doch Musikschulen im Verhältnis gar nicht so kostspielig und bieten im Gegenzug einen immensen gesellschaftlichen und kulturellen Gewinn für die Kommunen.

Strukturelle und pädagogische Herausforderungen für die Musikschulen in Deutschland

PM: Du bringst mich gerade auf den folgenden Gedanken: Kann es sein, dass wir die Kultur in unserem Land auf politischer Ebene in den vergangenen Jahren gegebenenfalls „vom falschen Ende“ her gedacht haben? Wie meine ich das? Ich habe ebenfalls immer mehr das Gefühl, dass die Kultur in den vergangenen Jahren von der Politik geradezu als Luxus angesehen wurde. Auf der anderen Seite bedeutet eine Musikwirtschaft, um bei der Musik zu bleiben, deutlich mehr als eine erfolgreiche Künstlerin bzw. erfolgreicher Künstler, den bzw. die man bei Preisverleihungen ehren kann und die bzw. der große Säle ausverkauft bekommt. Musik ist viel tiefer in unserem Leben verankert, angefangen mit der musikalischen Früherziehung über die Musikschulen bis zu unserem Lebensende. Auf der anderen Seite wird die Arbeit der Musikausbilder:innen sowie die Bedeutung dieser Arbeit nicht anerkannt oder vielleicht stark unterschätzt, wie Du es auch selbst beschreibst. Selbst im Bildungswesen verliert Musikunterricht aktuell sehr schnell an Bedeutung. Zusammenfassend: Die wahre Bedeutung der Musik wird zwar wissenschaftlich, aber auch von der Politik, grundsätzlich anerkannt, dieser wird aber von der Politik kaum eine Bedeutung zugerechnet. Irre ich mich?

TPH: Die Musikwirtschaft, also der kommerzielle Konzertbetrieb, die Tonträgerindustrie, die Instrumentenhersteller:innen und was nicht noch alles dazu gehört, setzt Milliarden um. Hierzu gehören natürlich auch klassische Konzerte mit ihren Stars. Musikschulen bilden die Konzertbesucher:innen der Zukunft heran. Wenn wir also auch in Zukunft ein Publikum für unsere Sinfonieorchester, Opernhäuser, Konzerthallen und Klassikprogramme in den Medien haben wollen, dann müssen wir uns heute darum kümmern. Wenn wir es nicht tun, wird dieser Teil des Musikbetriebes langfristig verkümmern und wir fallen einer KI-generierten Konservenmusik zum Opfer.

PM: Kann die aktuelle Entwicklung bedeuten, dass es auf lange Sicht keinen Nachwuchs mehr geben wird? Von einigen jungen Musiker:innen höre ich zum Beispiel manchmal, dass sich diese aus Sorge vor der eigenen Zukunft für finanziell sichere Berufe entscheiden, auch wenn die Begabung und der Wunsch vorhanden sind, dem Beruf der Musikerin bzw. des Musikers nachzugehen. Darüber haben wir übrigens auch in einem unserer Interviews mit einer Dozentin gesprochen. Von einigen erfahrenen Kolleg:innen habe ich wiederum gehört, dass diese insbesondere seit der Covid-19-Pandemie den Beruf verlassen haben, als sie gemerkt haben, dass man in Zeiten der finanziellen Herausforderungen vergessen wurde. Unter anderem auch deswegen wird bereits jetzt überall ein riesiger Musiklehrer:innenmangel beklagt. Wie nimmst Du diese Entwicklung wahr?

TPH: Wie ich bereits erwähnt habe: Es wird immer schwieriger, qualifizierte Fachkräfte für Musikschulen zu finden. Das gleiche gilt auch für den Nachwuchs in den Orchestern. Es ist allgemein bekannt, dass Musiker:innen und Musikpädagog:innen in der Regel nicht besonders gut bezahlt werden. Der frühere Bundesvorsitzende des VdM, Prof. Ulrich Rademacher, hat schon vor vielen Jahren gesagt, dass wir, wenn wir so weitermachen, bald keine Lehrkräfte mehr für die Musikschulen finden werden. Diese Prophezeiung bewahrheitet sich immer mehr. Dazu kommt, dass auch in den allgemeinbildenden Schulen – besonders im Bereich Grundschule – immer weniger Musiklehrer:innen zu finden sind. Das ist keine gute Entwicklung…

PM: Wäre Deines Erachtens eine Reform der bestehenden Strukturen sowie der Musikschullandschaft hilfreich? Nur eine Idee als Beispiel: Der Staat bzw. die Kommunen würden sich aus der Musikschullandschaft zurückziehen. Dies geschieht de facto ja indirekt schon seit Jahren. Diese Aussage von mir basiert unter anderem auf der Entwicklung der Anzahl der e.V.-organisierten Musikschulen in Deutschland im Vergleich zu der Anzahl der reinen kommunalen Musikschulen. Stattdessen könnte der Staat in diesem Fall eine andere Rolle einnehmen, beispielsweise durch die Steigerung der Angebote an musikalischer Früherziehung sowie einen möglichen kostenfreien Zugang zum Musikunterricht für alle Kinder bis zu einem bestimmten Alter. Gleichzeitig wären gewisse „Qualitätskriterien“ relevant, die öffentlich verfügbar wären. Eine gewisse Vergleichbarkeit würde dann nicht nur für mehr „echten“ Wettbewerb sorgen, sondern auch für ein durchgehendes gewisses Qualitätsniveau. Auf diese Weise könnte sich eine gewisse Nachfrage je nach Preissegment entwickeln. Irre ich mich?

TPH Ja, du irrst dich: Das ist – offen gestanden – ziemlicher Unsinn! Wenn sich der Staat bzw. die öffentliche Hand aus der Musikschullandschaft zurückziehen würde, gäbe es keine Musikschulen mehr. Instrumentalunterricht wäre nur noch als Privatunterricht verfügbar und entsprechend teuer. Kostenfreier Zugang zur musikalischen Früherziehung klingt gut, aber was meinst du mit „kostenfreiem Musikunterricht bis zu einem bestimmten Alter“? Ist damit Instrumentalunterricht gemeint? Hört das mit 12 Jahren auf, oder wann? Wo und wie soll dieser Unterricht stattfinden? Und was meinst du mit „gewissen“, öffentlich verfügbaren Qualitätskriterien? Was meinst du mit „gewisse Vergleichbarkeit“? Nachfrage nach Preissegment? Was soll das? Jemand, der Fagott oder Harfe unterrichtet, bekommt weniger Geld, weil die Nachfrage nicht groß ist? Klavierlehrer:innen verdienen mehr als Oboenlehrer:innen? Dann gibt’s in naher Zukunft keine Fagottist:innen, Oboist:innen, Harfenist:innen, Tubist:innen, Bratschist:innen oder Kontrabassist:innen mehr. Tut mir leid, aber wenn ich das richtig verstanden habe, ist das – bitte entschuldige – so ziemlich das Dümmste, was ich seit Langem gehört habe!!!

Die aktuelle Rolle der Lehrerin bzw. des Lehrers in der musikalischen Ausbildung

PM: Danke Dir trotzdem für Deine Meinung (lacht). Lass uns bitte kurz das Thema wechseln: In einem unserer Interviews mit einer promovierten Konzertpianistin und Buchautorin haben wir über das Thema „Selbstbewusstsein“ gesprochen. Findest Du nicht, dass ausgerechnet mangelndes Selbstbewusstsein bei vielen jungen Musiker:innen aktuell einen großen Mangel darstellt? Nicht, weil die es nicht wollen oder nicht über diese Charaktereigenschaft verfügen würden. Eher deshalb, weil die aktuelle „Umwelt“ dies ggf. gar nicht zulässt: Permanenter Stress, schwierige Arbeitsbedingungen, stetiger Durchsetzungskampf, Berufsdruck, nicht zuletzt aber auch die anhaltende Wirkung der Corona-Pandemie. Irre ich mich?

TPH: Nun, wer Höhenangst hat (wie ich z.B.), sollte es vermeiden, auf hohe Berge zu steigen. Als Musiker:in mit professionellen Ambitionen hat man im Normalfall während seiner gesamten Ausbildung wiederkehrende Stresssituationen: der kritischen Lehrerin bzw. dem kritischen Lehrer vorspielen, erste Auftritte vor Publikum, Wettbewerbssituationen, Aufnahmeprüfungen, Abschlussprüfungen. Man hat also vor einer möglichen professionellen Karriere jede Menge Möglichkeiten, seine eigene Stressresistenz auszutesten. Schwierige Arbeitsbedingungen, permanenten Stress, stetigen Durchsetzungskampf und Berufsdruck hat man in vielen anderen Jobs auch. Man muss eben einen Beruf finden, der im Einklang mit der eigenen Stress-Resistenz steht. Ich möchte z.B. nicht mit einer bzw. einem Politiker:in oder Pilot:in tauschen – auch wenn diese Berufe deutlich besser bezahlt werden.

Corona hatte und hat sicher viele Auswirkungen auf gesellschaftliche Prozesse, den Schulbetrieb und manche wirtschaftlichen Bereiche. Vielleicht sollten wir aber allmählich aufhören, herumzujammern und darauf zu schimpfen, dass seit Corona alles schlechter geworden ist. Zum einen stimmt das nicht, weil wir vieles gelernt haben: Onlinekonzepte für Unterricht und Kommunikation, Nutzung von digitalen Medien, Wertschätzung echter, physischer Präsenz, um nur einige Beispiele zu nennen. Zum anderen ist die Aufarbeitung der Coronafolgen zwar eine wichtige Aufgabe, wir sollten aber trotzdem auch nach vorne schauen und versuchen, gesellschaftliche und politische Prozesse positiv zu beeinflussen.

PM: Wie siehst Du die aktuelle Rolle der Lehrerin bzw. des Lehrers in der musikalischen Ausbildung?

TPH: Genau aus den Gründen, die ich in der letzten Frage angeführt habe, ist es so wichtig, dass es gute Instrumentallehrer:innen und gute Musiker:innen gibt: Es sind Multiplikatoren! Musik ist eine unglaublich kraftvolle und wirkmächtige Kulturleistung, die uns unmittelbar erlaben lässt, wie wichtig Gemeinschaft, Zusammenhalt, Toleranz, Kreativität, Sensibilität, Liebe, Freundschaft und Vertrauen für die Menschen sind. Und das über alle sozialen, wirtschaftlichen, ethnischen, sprachlichen und nationalen Grenzen hinweg. Für mich ist es immer noch der schönste Beruf der Welt!

PM: Sehr interessant! Was sind abschließend Deine Ziele für die Zukunft? Möchtest Du vielleicht unseren Leser:innen was mit auf den Weg geben?

TPH: Naja, am 1. Mai 2025 gehe ich in Rente. Das heißt, ich habe wieder mehr Zeit, um Musik zu machen, zu schreiben und zu vermitteln. Letztes Jahr habe ich mit meinem früheren Duo-Partner ein Konzert auf der Biennale in Venedig gespielt, vielleicht werden wir im kommenden Sommer bei einem Jazz-Festival am Lido di Venezia auftreten. Ich plane, wieder häufiger mit meinem Duo „Unerhört Fagott“ (Akkordeon/Fagott, www.unerhoert-fagott.de) zu spielen, was mir großen Spaß macht und für das ich eine Menge Musik geschrieben habe. Außerdem möchte ich noch viele Klavierstücke für den Unterricht schreiben, einen Vlog zum Thema Klavier und Klavierunterricht starten, und mich mehr um meine Social-Media Präsenz kümmern. Mir wird also garantiert nicht langweilig.

PM: Lieber Thomas, wir danken Dir für das sehr interessante Gespräch! Wir wünschen Dir alles Gute sowie viel Erfolg mit allem, was Du noch vorhast! Besten Dank Dir auch noch einmal für Deinen persönlichen Einsatz für die Musiker:innen. Wir bleiben in Kontakt.

TPH: Ich habe zu danken! Auf alle Fälle werde ich „PianoMe“ weiter beobachten…


Copyright Foto: Sophie Schüler / Thomas Peter-Horas