PianoMe Talks: Interview mit der Dirigentin und Chorleiterin Sonja Lachenmayr

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Fragt Ihr Euch auch manchmal, wer eigentlich unsere User sind, die über PianoMe passende Proberäume, Studios oder Konzertsäle flexibel mieten? Dieses Mal konnten wir Sonja Lachenmayr für ein Interview gewinnen: Lest selbst, was sie neben ihrer eigentlichen Haupttätigkeit an spannenden Ideen hat, warum diese insbesondere jetzt so wichtig sind und was das Ganze mit der Nachhaltigkeit in der Musikbranche zu tun hat.

PianoMe (PM): Liebe Sonja, es ist uns eine große Freude, dass Du zu einem Interview mit PianoMe bereit bist! Wir wissen ja, wie beschäftigt Du bist!

Sonja Lachenmayr (SL): Ja, das stimmt! Aber ich finde es großartig, was PianoMe macht. Da nehme ich mir gerne Zeit für Euch.

PM: Das ist toll, danke! Zuerst wollen wir Dich unseren Leserinnen und Lesern gerne kurz vorstellen, obwohl Dich viele sicherlich bereits kennen: Du bist Dirigentin, Sängerin und bist auch als Chorleiterin in vielen unterschiedlichen Ländern aufgetreten – eigentlich das ideale Testimonial für PianoMe!       

SL: Genau! Ich bin aus beruflichen Gründen oft unterwegs und reise auch privat sehr gerne. Da ist es meistens unheimlich schwierig, einen passenden Proberaum in einem fremden Land zu finden. Das Gleiche gilt übrigens auch für Deutschland. Egal ob ich einen Raum zum Üben brauche, um Aufnahmen zu machen oder um in Ruhe eine Partitur zu erarbeiten. PianoMe stellt in diesem Sinne eine große Hilfe dar. Mit anderen Worten – PianoMe ermöglicht es mir, meinen Beruf überall auf der Welt auszuüben!

PM: Vielen Dank! Das freut uns! Genauso soll es sein! Wir haben uns aber heute getroffen, um über Dich und Deine Aktivitäten zu sprechen. Magst Du uns zunächst etwas über Deine „Wurzeln“ erzählen? Ich weiß zum Beispiel, dass Deine musikalische Reise bereits sehr früh begonnen hat.

SL: Das stimmt! Ich habe schon als Kind viele verschiedene Instrumente lernen dürfen und war besonders in Musikgruppen der Kirche und meiner Schule sehr aktiv. Ich habe, wie viele Kinder, mit Blockflöte und Klavier angefangen und bin dann bald zur Harfe und zur Querflöte gekommen. Später kamen dann Gesangsunterricht und Posaune dazu. Mit 18 Jahren habe ich dann die Leitung meines ersten Chors übernommen.

PM: Das hört sich sehr spannend an! Diese vielen Erfahrungen haben Dich sicherlich zu einer vielschichtigen Musikerin geformt. War das nicht der eigentliche Beginn Deiner Dirigententätigkeit?

SL: Tatsächlich ja. Wobei ich damals nie geahnt hätte, dass das eines Tages mein Hauptberuf werden würde. Ich hatte einfach eine große Freude an der Arbeit mit vielen Menschen und war unglaublich dankbar, dass man mir damals – auch ohne große Vorkenntnisse – die Chance gegeben hat, einen eigenen Chor zu leiten. Im Nachhinein bin ich auch fasziniert darüber, dass dieser Chor damals etwas in mir gesehen hat, was ich selbst noch nicht gesehen hatte.

PM: Als Dirigentin entwickelst Du in Deiner täglichen Arbeit mit verschiedenen Stilrichtungen sowie mit unterschiedlichen Stücken verschiedener Komponisten sicherlich ein eigenes musikalisches Gespür. Auf der anderen Seite sind es ganz unterschiedliche Musiker und vor allem Menschen, mit denen Du zusammenarbeitest. Wie gibst Du das an die Musiker weiter? Ich meine, ist es bloß eine andere Art der Kommunikation oder steckt da mehr dahinter?

SL: Schwierige Frage. Ich glaube, ich würde musikalisches und menschliches Gespür trennen wollen. Ich kenne viele Menschen, die eines von beidem im Übermaß haben, denen aber leider das andere fehlt. Beides kann man natürlich lernen. Meiner Erfahrung nach gibt es aber vor allem in der Tätigkeit als Dirigentin ein gewisses Maß an menschlichem Gespür und Empathie, das man von sich aus mitbringen muss. Ich glaube, dass ich eine sehr gute Mischung von beidem mitbringe. Das beantwortet aber die Frage nicht ganz – merke ich grad (lacht). Ich glaube, ich habe keine Antwort darauf. Das müssen vermutlich die Menschen über mich sagen, mit denen ich musiziere…(lacht). Ich glaube, ich versuche einfach so authentisch wie möglich zu sein und stets die Musik als wichtigsten Mittelpunkt der Arbeit zu betrachten.

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PM: Jetzt hast Du aber ein paar wichtige Eigenschaften eines Unternehmertums angesprochen. Ich weiß aber auch, dass Du 2022 das Nachhaltigkeits-Orchester „New World Orchestra“ gegründet hast. Wie kam es dazu bzw. wie bist Du denn auf die Idee gekommen?

SL: Ich war vor einigen Jahren auf einer privaten Reise in Ägypten und war entsetzt von dem vielen Müll, der dort überall, aber vor allem im Nil, zu finden ist. Erst habe ich gedacht: Wie können die das nur machen – dieser wahnsinnig schöne Fluss… Dann habe ich aber gründlich recherchiert und festgestellt, dass es ja bei uns auch große Probleme mit der Müllentsorgung gibt. Sie sind natürlich anderer Natur, aber sie sind da. Und vor allem weniger sichtbar, sodass es schwer ist, etwas zu verändern, da man gar nicht mitbekommt, was schiefläuft. Dieses Erlebnis und die Flüchtlingskrise 2015 haben ein sehr starkes Bedürfnis in mir geweckt, mich für das zu engagieren, was mich bewegt. Und da Musik meine Sprache ist, kam ich auf die Idee, das New World Orchestra zu gründen. Ein Orchester, mit dem man Bewusstsein schaffen und viele kleine Veränderungen bewirken kann. Und dann habe ich über Jahre an der Idee gearbeitet, Konzepte geschrieben und wieder verworfen, mit vielen verschiedenen Menschen darüber gesprochen und schließlich den Verein New World Orchestra e.V. gegründet. 

PM: Du machst es uns allen spannend! Ich fühle mich wie bei einem temperamentvollen Stück, mit vielen unerwarteten Wendungen! Was wird bei diesem Orchester anders sein, als bei einem, sage ich mal, „normalen Orchester“?

SL: (Lacht) Das New World Orchestra verknüpft jedes Konzert mit einem nachhaltigen Thema und versucht alle Strukturen innerhalb des Orchesters sowie die Konzertabläufe so nachhaltig wie möglich zu gestalten. Mit anderen Worten: Es setzt sich für die Verbreitung und Förderung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN ein. Diese 17 Ziele werden dabei auf künstlerische Weise mit klassischer Musik verbunden. Damit wollen wir auch ein neues Publikum für klassische Musik begeistern. Vor jedem Konzert gibt es eine Themeneinführung statt der klassischen Konzert-/Werkeinführung. Wir versuchen unsere Konzertprogramme innovativ zu gestalten. Das heißt: Neben bekannten Kompositionen legen wir ein besonderes Augenmerk auf die Aufführung von Werken von Komponistinnen sowie zeitgenössischer Kompositionen. Wir schicken unseren Veranstalter:innen einen „Green Rider“, den wir mit dem Projektbüro „What if“ erarbeitet haben, um in den Dialog zu treten. Wir wollen wissen: Was machen Veranstalter:innen schon? Welche Pausenbewirtung, welche Heizung, welchen Strom nutzen sie und geben direkt Ideen mit, was noch verändert werden kann. Und auch intern legen wir in einem „Code of Conduct“ fest, für welche Werte das Orchester steht.

Sonja Lachenmayr: New World Orchestra

PM: Sehr interessant! Wie reagieren die Veranstalter auf Deine Idee und wann können wir mit dem ersten Konzert rechnen?

SL: Viele Veranstalter:innen sind sehr interessiert, da es so etwas wie das New World Orchestra einfach noch nicht gab. Es ist auch eine große Begeisterung da, dass solche Initiativen nach der Corona-Pandemie noch existieren. Die Thematik der Nachhaltigkeit und das außergewöhnliche Konzept des Orchesters fällt auf, bleibt in Erinnerung und weckt in vielen Menschen ihre eigenen Visionen für die Zukunft. Den Termin des ersten Konzerts darf ich leider noch nicht verraten, aber so viel kann ich sagen: Es wird im nächsten halben Jahr sein. Und ich freue mich wahnsinnig darauf.

PM: Wir sind gespannt! Wo wir gerade über das Thema „Nachhaltigkeit“ gesprochen haben, stellt sich für mich die Frage, wie es denn in puncto „Innovation“ in dem Kulturbetrieb aktuell grundsätzlich aussieht? Dein Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, dass dies nicht nur möglich, sondern auch tatsächlich umgesetzt wird. Denkst Du aber nicht, dass Kultur eine breitere Unterstützung der Bundesregierung dafür benötigt? Denn die Branche hat gerade eben sehr schwierigere Jahre hinter sich gelassen? Man weiß auch nicht, wie die anstehenden Herbst- und Wintermonate sein werden. Ist da noch Raum für „Innovation“?

SL: Das ist eine gute Frage, die sich viele Kulturbetriebe und Kulturschaffende zu Recht stellen. Ich war vor wenigen Wochen zum zweiten Mal in den Bayerischen Landtag geladen worden, um genau darüber zu diskutieren: Was muss die Politik tun, damit Kunst und Kultur nachhaltiger werden können? Was bedeutet Nachhaltigkeit in Kunst und Kultur überhaupt und was wird vielleicht schon getan? Tatsächlich stellte sich dabei heraus, dass in der Branche ein großes Interesse besteht, sich zu verändern. Leider fehlen oft die personellen sowie finanziellen Mittel dafür. Auch veraltete Strukturen und staatliche Vorgaben sind noch Hindernisse auf dem Weg zur Nachhaltigkeit. Es gibt aber trotzdem schon viele kleine und große Initiativen oder auch Kulturbetriebe, die schon aktiv geworden sind: Das Regensburger Stadttheater hat in Zusammenarbeit mit „What if“ z.B. eine Klimabilanz ihres Hauses erstellt und veröffentlicht. Es war toll zu sehen, wie viele Menschen sich schon über die gleichen Dinge Gedanken gemacht haben wie ich.

PM: Was sind abschließend Deine Ziele für die Zukunft? Möchtest Du Deine Pläne mit unseren Lesern teilen?

SL: Meine Pläne für die Zukunft. Oh – ich glaube, das sprengt den Rahmen des Interviews (lacht). Berufliche Pläne gibt es sehr viele. Das New World Orchestra weiter voranbringen, freiberuflich mit so vielen Berufsorchestern zu arbeiten wie möglich, eine Professur für Dirigieren an einer Universität etc. Aber so allgemein und privat könnte man sagen, dass ich vor allem immer weitergehen möchte. Stillstand ist zwar per se nichts Schlechtes, da man beim Stillstehen manchmal einen besseren Überblick über die Lage bekommen kann. Und auch als Pause ist das Stillstehen sehr wichtig. Aber das „immer wieder losgehen, weiter machen und neu ausrichten “ – das ist ein großes Ziel für meine Zukunft.

PM: Liebe Sonja, wir danken Dir für das sehr interessante Gespräch! Wir wünschen Dir alles Gute sowie viel Erfolg mit dem „New World Orchestra“ und allem, was Du noch vorhast! Wir bleiben in Kontakt.

SL: Auf jeden Fall! Vielen Dank für Euer Interesse und die guten Fragen!