PianoMe Talks: Interview mit dem Konzertpianisten Alexander Wagner

PianoMe Talks: Interview mit dem Konzertpianisten Alexander Wagner

Für die aktuelle Ausgabe von PianoMe Talks haben wir den Konzertpianisten und Komponisten Alexander Wagner getroffen. Er erzählt, wie er als Kind zur Musik gefunden hat, warum das Klavier für ihn nie ein Hobby war und was seine Studienjahre in Salzburg und London mit ihm gemacht haben. Wir sprechen mit ihm über Freiheit und Risiko beim Spielen, über den Unterschied zwischen Studioaufnahme und Live-Konzert und über die Frage, welche Rolle die klassische Musik heute noch spielt. Zum Schluss verrät er, welche Projekte als Nächstes anstehen und warum er die Idee hinter PianoMe schätzt.


PianoMe (PM): Lieber Alexander, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wir freuen uns sehr, dass Du für ein Gespräch mit PianoMe zur Verfügung stehst!

Alexander Wagner (AW): Die Freude ist ganz meinerseits.

PM: Vorstellen müssen wir Dich unseren Leser:innen eigentlich nicht mehr: Du bist Konzertpianist, Komponist und Autor. Bereits als Kind hast Du eine außergewöhnliche musikalische Begabung gezeigt und früh eine fundierte Ausbildung in Klavier und Komposition erhalten. Du hast am Mozarteum Salzburg sowie am Royal College of Music in London studiert und konzertierst heute international als Solist. Neben Deinem pianistischen Repertoire widmest Du Dich intensiv der zeitgenössischen Komposition und verbindest in Deinem künstlerischen Schaffen klassische Tradition mit einer unverwechselbaren eigenen Handschrift. Deine Konzerte und Kompositionen wurden mehrfach von Rundfunk und Fernsehen porträtiert und stehen für große Ausdruckskraft sowie einen interdisziplinären Zugang zur Musik.

AW: Das stimmt, in der ein oder anderen Weise ist mein Lebensweg so verlaufen. Mittlerweile arbeite ich in Wien und habe dort meinen Lebensmittelpunkt. Es freut mich zu hören, dass meine Musik in dieser Weise wahrgenommen wird. Selbst habe ich in dieser Klarheit keine Meinung, als was und wie ich meine Musik beschreiben würde. Man beschäftigt sich eben mit Themen, mit Motiven, mit Inhalten und versucht, das in einer klanglichen Sprache einzufassen oder sich damit auseinanderzusetzen. So würde ich das Komponieren beschreiben. Darüber hinaus bin ich natürlich auch Pianist, das stimmt, und gebe regelmäßig Klavierabende mit Repertoire vom Barock bis zur Gegenwart.

Alexander Wagner: Von den musikalischen Wurzeln zur eigenen Klavierspieltechnik

PM: Alexander, Du bist bereits sehr früh mit Musik in Berührung gekommen. Welche Rolle hat Musik in Deiner Kindheit gespielt und wann hast Du gemerkt, dass das Klavier mehr als nur ein Hobby für Dich werden könnte?

AW: Also, ich weiß es nur von Erzählungen, dass ich, als ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt war, ein Klavier in einer Zeitschrift abgebildet sah und darauf gedeutet habe – vermutlich verbunden mit einem Appell an meine Eltern, dass ich das haben und spielen lernen möchte. Es hat mich dann noch ungefähr ein halbes Jahr Überredungsarbeit gekostet, aber dann habe ich ein Klavier bekommen und auch einen wunderbaren ersten Klavierlehrer aus Weißrussland, Waldemar Brilz, der mir die Musik, ja, ich würde fast sagen „improvisatorisch“ näher gebracht hat. Der Wert dieser Sache ist mir erst später bewusst geworden – dass ich diese Freiheit auch in der frühen Klavierausbildung erfahren durfte und sich durch die Improvisation der unmittelbare Zugriff auf die eigene Fantasie oder das Abgreifen der Klaviatur – im wahrsten Sinne des Wortes – und der eigenen Fantasie ein direkter Zugang zu einer inneren Welt freischaufelt. Und das mag mir vielleicht auf gewisse Art und Weise den Grundbaustein zur Komposition gelegt haben.

Soweit ich mich erinnere – man muss immer vorsichtig sein, welche Geschichten man von sich als Kind erzählt, denn man tendiert dazu, diese zu verklären – war es so, dass ich eine Art von Ausdrucksbedürfnis hatte, welches sich dann in kleinen Melodien und Stückchen angesammelt oder wiedergespielt hat. Ich habe einfach dahinfantasiert am Klavier. Was ich meinem Lehrer bis heute sehr hoch anrechne, ist, dass er sich neben der üblichen Klavierausbildung auch sehr viel Zeit genommen hat, meine ersten Kompositionsversuche niederzuschreiben. Deswegen habe ich ein ganzes Kompendium, einen ganzen Koffer voller Noten früher Kindergedanken, musikalischer Fantasien. Ich habe diese sehr viel später, vor drei bis vier Jahren erst, in einem Zyklus namens „Käfer Töten“ verarbeitet. Graham F. Valentine, ein Schauspieler aus dem Ensemble von Christoph Marthaler, singt diesen Zyklus, der zu Teilen aus diesen frühen Kindheits-Gehversuchen auf dem Klavier besteht.

Das Klavier war nie ein Hobby für mich, das würde ich vielleicht noch anfügen, sondern es war ein merkwürdiger Gegenstand, ein Objekt, eigentlich wie eine Wunderkiste, die unendlich viele Versprechungen gemacht hat, was mir aber nur unbewusst klar war, und deshalb habe ich mich ihr wahrscheinlich täglich genähert und mich mit Mut und Eifer nicht mehr davon abhalten lassen. Das Klavier produziert ja die unheimlichsten Klänge. Gerade als mir immer wie ein naher Verwandter oder ein wirklich enger Freund zur Seite gestellt. Vom tatsächlichen Beruf des Pianisten habe ich erst später erfahren. Dann habe ich noch sehr viel mehr geübt, fürchte ich.

PM: Interessant! Du hast am Mozarteum Salzburg und später am Royal College of Music in London studiert. Was hat Dich damals dazu bewogen, diesen Schritt nach London zu wagen? Welche Erfahrungen aus Deiner Zeit in London haben Dich als Pianist und als Künstler am nachhaltigsten geprägt?

AW: Ich war ja vorher in Salzburg, am Mozarteum – wie man dann eben konformistisch in der universitären Logik mitschwimmt, überlegt man sich, nach dem Abschluss des Bachelors den Master noch zu machen. Ich wollte weg, ich wollte raus aus Salzburg. Salzburg kam mir eigentlich vor wie eine offene Anstalt, das Weiß der Wände, die Enge, das Im-Kreis-Gehen und die wiederkehrenden Begegnungen. Ab einem gewissen Moment kam ich mir vor wie in einem Film, der nicht mehr aufhören wollte, und deswegen bin ich (wahrscheinlich aus eskapistischen Motiven) nach London gegangen. Ich hatte keinen wirklichen Grund, nach London zu gehen. Ich habe mich spontan beworben und ein Stipendium bekommen, somit war der Entschluss gefasst.

Es war eine schwierige Zeit, zum einen war es der Beginn der Corona-Pandemie, zum anderen habe ich auch sehr darunter gelitten, dass ich, obwohl mein Englisch eigentlich gut ist, mich nicht in der Art und Weise artikulieren konnte, wenn es um Gespräche über Kunst oder um musikalische Inhalte ging, ja, dass mir das Vokabular gewissermaßen fehlte, um etwas so Abstraktes wie Musik oder das innere Empfinden zu beschreiben.

Ansonsten ist London natürlich eine großartige Stadt, die kulturell viel bietet. Ich habe ganz merkwürdige, wunderbare, schöne Opernproduktionen gesehen, und man lernt die Stadt natürlich von vielen Seiten kennen, wenn man dort länger lebt. Ich habe das letzte Jahr in Kilburn verbracht, im irischen Viertel, dort ist es sehr schön. Es gibt einen Friedhof, auf dem eine Papageien-Kolonie wohnt. Dort ging ich, für ein halbes Jahr, jeden Morgen hin um Voltaire zu lesen und habe den Papageien zugesehen, wie sie um den Friedhof kreisten. Das war ein absurdes, merkwürdiges Bild, ein fantastisches Bild. Man macht viele Erfahrungen in dieser Stadt, nicht zwingend immer speziell musikalisch prägende Erfahrungen, aber alles, was einen doch als Menschen prägt, wird sich in der ein oder anderen Gestalt wiederfinden, in seinem Tun, in seiner Produktion.

PM: Die vielfältigen Erfahrungen, die Du auf Deinem bisherigen Weg gesammelt hast, haben Dich sicherlich als Musiker geprägt. Welchen Einfluss haben sie auf Deine Klavierspieltechnik und was bedeutet das Musizieren ganz persönlich für Dich?

AW: Im Grunde wiederhole ich mich jetzt, aber ich glaube, sowohl im Produzieren als auch beim Schreiben von Musik, als auch im Reproduzieren, im Nachschöpferischen, im Interpretieren von Musik spiegelt man sich zwangsläufig immer selbst, weil wir eben darauf zurückgeworfen werden, wie wir sind, als Menschen. Wir sind nur wir selbst, wir können nichts anderes sein und auch bei allem, was wir darstellen oder darstellen wollten, sind wir es am Ende selbst.

Deshalb spiegelt sich in jedem Satz, den wir sprechen, in jeder Geste, die wir tun, in jedem Lidschlag etwas von uns, von unserer Persönlichkeit, und natürlich tut es das auch, und zwar in ganz besonderem Maße, beim Klavierspielen, beim Interpretieren, Darbieten und Darstellen von Musik. Man spiegelt sich in allem, was man tut, und eben auch, denke ich, besonders vielleicht, wenn man sich exkulpiert, wenn man sozusagen interpretiert, ausdrückt, seine Empfindung, seine Gedanken, seine Wahrnehmung irgendwie in Töne fasst und sie mitteilt.

Das Wesentliche, was den individuellen Menschen ausmacht, kann nicht auf einzelne Ereignisse heruntergebrochen werden – das Leben, die Erfahrungen sind doch ein ständiger, andauernder Strom, der einen wie einen Kieselstein im Flussbett schleift.

PM: Deine Spielweise wird häufig als besonders individuell und ausdrucksstark wahrgenommen. Welche technischen oder interpretatorischen Ansätze hast Du im Laufe der Jahre bewusst weiterentwickelt – und was würdest Du selbst als charakteristisch für Dein Klavierspiel bezeichnen?

AW: Es kommt ein bisschen auf die Musik an, die ich spiele. Das sind sehr unterschiedliche Musiken. Es ist ein Unterschied, ob man die Goldberg-Variationen von Bach spielt – dafür braucht man eine sehr spezifische, spezielle Konzentration und auch Ausdauer, Fokus – im Gegensatz zu einem größeren, romantischen Stück, bei dem es sich vielleicht mehr anbietet, bei einer Fermate im Nichts stehenzubleiben oder auch vollkommen zu eskalieren.

Es gibt einen performativen Standpunkt, über den ich viel nachdenke: vielleicht nenne ich es Risikobereitschaft, etwas, das unserer heutigen Zeit und auch den Aufführungen im Allgemeinen ein bisschen abhanden gekommen zu sein scheint. Ich sehe, dass heute alles sofort aufgezeichnet und veröffentlicht bzw. live gestreamt wird, aber man sollte den Mut bewahren, zu riskieren und der Musik wirklich zuzuhören, wohin sie einen führt, was die Finger einem erzählen. Einfach mitzugehen und nicht in Sicherheit wiegend und zurecht trainiert, immer auf geradem Pfade Richtung Ziel gehend ist unnatürlich – das Risiko zu nehmen, zu scheitern oder sich auch einmal zu verirren in einem langsamen Satz von Schumann, ist mir persönlich näher, als wenn ich immer genau wüsste, in welcher Art und Weise ich etwas spiele, bevor ich es spiele.

Natürlich ist das jetzt auch ein überhöhter, idealisierter Standpunkt, aber man beschäftigt sich ja über Monate mit den Stücken und macht seine Erfahrungen auf der Bühne, man reift auch zwangsläufig mit den Stücken. Man wird klüger. Wahrscheinlich. Und trotzdem sollte man sich eine gewisse Freiheit und einen frischen Zugang nicht unmöglich machen, indem man sich oder die Sache bis zur Perfektion entstellt.

Zwischen Studio und Konzertsaal: Alexander Wagner über Aufnahmen, Interpretation und Inspiration

PM: Welche Rolle spielt der Moment des Übens für Deine Interpretation? Entsteht die musikalische Idee bereits beim Studium der Partitur oder entwickelt sie sich erst während des Spielens am Instrument?

AW: Beides. (lacht) Sie entwickelt sich ein ganzes Leben lang weiter. Je länger man sich mit den Stücken beschäftigt und mit ihnen gemeinsam durchs Leben geht, umso mehr verändern sie sich, so wie sich auch Freundschaften, Bekanntschaften und Liebschaften verändern. Und einen selbst. Man ist ja auch nicht mehr derselbe Mensch, wenn man Schuberts letztes Quintett gehört hat, oder?

PM: Du hast bereits mehrere Aufnahmen veröffentlicht. Während eine Live-Aufführung von Spontaneität und dem unmittelbaren Austausch mit dem Publikum lebt, verlangt eine Studioaufnahme eine andere Form der Präzision und Konzentration. Wie erlebst Du diese beiden Situationen, und wie gehst Du mit den unterschiedlichen Anforderungen um?

AW: Das sind beides zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde mir persönlich die Studioaufnahme mehr zusagen, weil sie sozusagen das Event um die Musik herum ausklammert. Es geht nur um die Sache – beim Live-Konzert überlässt man das Ergebnis dem Moment, in einer Weise. Natürlich könnte man zurecht einwenden, das sei gerade der Reiz von Liveaufnahmen, von Livekonzerten, dass alles passieren kann – vom Schönsten zum Schlimmsten. Ist es ja auch.

Glenn Gould, ein Pianist, den ich sehr bewundere, hat sich wahrscheinlich aus guten Gründen ab einem gewissen Moment seines Lebens von der Bühne zurückgezogen und nur noch Studioaufnahmen gemacht. Er suchte und forschte wie ein Besessener an der Musik, an seinem Klang. Ob es ihm gelungen ist? Mit Sicherheit, auf eine Weise.

Vielleicht denke ich in zehn Jahren vollkommen gegenteilig darüber, aber im Moment würde ich sagen, es sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge, die beide ihren Reiz haben und ihre Besonderheiten, und ich schätze sie beide gleichermaßen.

PM: Sehr interessant! Bleiben wir bei Deinen Live-Auftritten: Wie gelingt es Dir, die emotionale Tiefe eines Werkes nicht nur technisch umzusetzen, sondern sie für das Publikum unmittelbar erlebbar zu machen?

AW: Wenn ich das wüsste, dann wär’ ich Millionär. (lacht)

PM: Kürzlich bist Du in Qabala aufgetreten und hast dort Werke von Johann Sebastian Bach, Robert Schumann und Tofiq Quliyev interpretiert. Was reizt Dich an dieser spannenden Kombination unterschiedlicher musikalischer Traditionen, und wie näherst Du Dich den jeweiligen Werken interpretatorisch an?

AW: Es war mir eine besondere Freude, erneut nach Aserbaidschan zu reisen, weil das Publikum dort wirklich sehr aufgeschlossen, interessiert und auch extrem gebildet ist, was die klassische Musik anbelangt. Und ich habe selten so interessante Gespräche über Skrjabin geführt wie mit den Studenten der Akademie nach meinem Konzert in Baku 2022; und dieses Mal führte mein Weg nach Qabala, in die Berge. Dort gibt es ein wunderbares Festival und ich verdanke die Einladung dorthin dem Azerbaidschanischen Kulturzentrum in Wien.

Gerade neben der europäischen Musik auch russische und die spezifisch aserbaidschanische Musik in ihrem Heimatland aufzuführen, ist ein ganz eigenes Gefühl, und ich bin sehr glücklich darüber, wie offen lauschend das Publikum meine Interpretationen aufgenommen hat – und, wenn ich mich nicht gänzlich täusche, hat es ihnen auch gefallen.

Gerade die Gegenüberstellung von diesen Musiken mit jenen, die in unserem Kanon repräsentiert sind, hat einen eigenen Reiz und ist für mich spannend.

Zwischen Tradition und Moderne: Klassische Musik im Wandel der Zeit

PM: Danke Dir für Deine Meinung! Welche Rolle spielt die klassische Musik aus Deiner Sicht in unserer heutigen Gesellschaft – und hat sich diese Rolle in den vergangenen Jahren verändert?

AW: Das vermag ich ehrlich gesagt nicht zu beurteilen. Natürlich hat sie sich verändert, aber sie verändert sich seit Jahrhunderten und Jahrzehnten und Jahren. Das ist eine sehr komplexe Thematik, man könnte jetzt über Bildung sprechen, über musikalische Früherziehung, über den Stellenwert von Kunst in der Gesellschaft, über den Begriff der „Systemrelevanz“ – ein sehr kompliziertes Gebiet, aber Sie wollen doch sicher bald Feierabend machen…

Ich denke, dass die klassische Musik in all ihren Schattierungen bis heute relevant ist, weil sie sich mit den eindringlichen, menschlichen Fragen in abstrakter Weise, so wie es alle Künste tun, auseinandersetzt, und deshalb wird sie auch nie ihre Relevanz verlieren. Die Frage nach dem Stellenwert ist eine andere. Relevant für uns Menschen ist die Kunst.

PM: Immer wieder ist zu hören, das Interesse an klassischer Musik gehe zurück. Teilst Du diese Einschätzung – oder nimmst Du vielmehr wahr, dass sich das Publikum und seine Erwartungen verändern?

AW: Ich nehme es sehr wohl wahr. Ich bin noch nicht so alt, als dass ich jetzt beobachtend über die langfristigen Veränderung sprechen könnte, aber ich sehe natürlich, welche Erwartungen heute an Aufführende gestellt werden: In ihrer Selbstvermarktung, in ihrer Darstellung, in ihren Äußerungen oft bis hinein ins Politische (zu Bekenntnissen gedrängt, auf der richtigen Seite stehen müssend) – teilweise tun sie das auch von sich aus. Ich beobachte das mit einer großen Sorge, insofern, dass sehr vieles von dem, was heute scheinbar notwendig ist, vom Wesentlichen ablenkt. Vieles davon sind Nebelkerzen, um sich vielleicht gezwungenermaßen dem Kommerz anzubieten, um zu existieren. Ich sehe einfach, dass sehr viel Außermusikalisches an Musiker herangetragen wird. Es geht um Verwertung und die Verwertbarkeit. Mein Wunsch ist es, dass die Musikschaffenden bei sich bleiben können. Man muss aufpassen, inwieweit man sich den sogenannten Interessen des Marktes unterwirft. Gleichzeitig könnte man ihn ja auch klug bedienen. Mir hat nur noch niemand verraten, wie.

PM: Lass uns bitte kurz über die Vor- und Nachteile des digitalen Musikmarkts für Künstler:innen sprechen. Streaming, Social Media und digitale Konzertformate haben die Musikwelt verändert. Siehst Du darin eher eine Chance oder eine Herausforderung für die klassische Musik?

AW: Beides natürlich. Es ist immer beides. Man wird sehen, wo sich das einpendelt. Die ständige Verfügbarkeit von Musik im Allgemeinen – es fängt schon damit an, dass überall Musik im Hintergrund dudelt und die Leute eigentlich totgemusikt werden, bevor sie überhaupt in ein Konzert gehen – also diese Überfülle, dieses Überangebot von allem kann ich eigentlich nur sehr kritisch sehen.

Andererseits ist es eine Bereicherung, ja ein Segen, dass wir fast alle Musiken der Welt in Aufnahmen vor uns liegen haben, alles sofort hören können, sozusagen griffbereit! Und nicht mehr warten müssen, bis Georg Friedrich Händel in die Stadt reist, um uns sein neuestes Concerto vorzustellen.

Ein Blick nach vorn: Musik, neue Projekte und Perspektiven

PM: Lieber Alexander, wir haben nun ausführlich über Deine besondere Spieltechnik, Deine Inspiration, Deine Interpretation und auch über die Rolle der klassischen Musik in unserer Gesellschaft gesprochen. Zum Abschluss möchten wir den Blick nach vorn richten: Gibt es musikalische Träume oder Projekte, die Du Dir in den kommenden Jahren unbedingt noch erfüllen möchtest?

AW: Wenn man schreibt, landen manche Stücke für Jahre in der Schublade. Andere wiederum werden sehr kurzfristig aufgeführt; beispielsweise mein Stück „Octocorallia“, das ich im Mai erst beendet habe – eine Art „Korallenklage“ für acht Sänger, Schlagwerk und Klangspiel -, es wird nächste Woche in Athen zur Uraufführung gelangen. Ansonsten arbeite ich gerade an einem Streichquartett, an einem Klavierstück über Pralinen – Sie lachen – und an einer Oper.

Ich habe viele Musiken von Bach bis zur Gegenwart, die ich unbedingt einstudieren und als Pianist aufführen möchte. Ich stehe unentwegt mit offenen Augen und Ohren bereit und dürste fast nach Welt. Wir werden sehen, was das mit mir macht. Ob es in mir etwas auslöst oder mich dazu drängt, ein neues Stück zu schreiben? Ich hoffe es!

PM: Danke Dir! Die nächste Frage kann ich mir leider nicht ersparen (lacht). Welche Bedeutung haben Plattformen wie www.piano.me aus Deiner Sicht für die Förderung der Musik und den Austausch innerhalb der Musikgemeinschaft?

AW: Sie leisten einen wertvollen Beitrag zur Vernetzung und zur Belebung der musikalischen Infrastruktur, was die Probemöglichkeiten von Musikern anbelangt. Darüber hinaus denke ich, dass diese Interviews ein wunderbares Format sind, um sich etwas länger mit verschiedenen Musikern und ihren Gedanken auseinanderzusetzen. Ich freue mich sehr, dass auch ich Teil dieser Interviewreihe sein durfte.

PM: Vielen Dank für Deine interessanten Gedanken und Einblicke! Gibt es abschließend noch Pläne oder Projekte, auf die Du unsere Leser:innen besonders aufmerksam machen möchtest?

AW: Das mit Athen habe ich ja bereits erwähnt. Im Konzerthaus Berlin gebe ich mein Debüt am 23. Oktober dieses Jahres; nächstes Frühjahr werde ich einen Klavierabend in der Sainte-Chapelle in Paris geben. Beides sind für mich pianistische Höhepunkte, die besonders sind und auf die ich mich wirklich sehr freue!

PM: Herzlichen Dank Dir für die Einladung! Lieber Alexander, wir danken Dir für das sehr interessante Gespräch! Wir wünschen Dir alles Gute sowie viel Erfolg mit allem, was Du noch vorhast! Wir bleiben in Kontakt.

AW: Ich bedanke mich ebenfalls – es war mir eine Freude, mit Euch zu sprechen!


Copyright Foto: Karoline Kreidl